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Von der Gemüsewaage bis zum Stromzähler

Das Eichamt kontrolliert Geräte ‑ 100-Meter-Markierung am Bordstein im Gartfeld ‑ Personalabbau macht Sorgen

Erschienen am 04.11.2006 in der Gießener Allgemeine Zeitung; Seite 26

Hinter den Kulissen AZ-Serie startet

Was macht diese Behörde eigentlich genau? Welche »unsichtbare« Arbeit leisten Mitarbeiter jenes Unternehmens? Ungewohnte Einblicke gibt die neue AZ-Serie »Hinter den Kulissen«, die heute startet. Sie wird fortan immer samstags an dieser Stelle im Lokalteil stehen.

Von der Gemüsewaage bis zum Stromzähler

Das Eichamt kontrolliert Geräte ‑ 100-Meter-Markierung am Bordstein im Gartfeld ‑ Personalabbau macht Sorgen

 Ob das wirklich 200 Gramm Schinken sind, die der Metzger da eingepackt hat? Wie kann ich 60 Liter Benzin zapfen, obwohl mein Tank offiziell nur 55 fasst? Und was der Baumarkt da als »ein Kubikmeter Holz« angepriesen hat, ist doch viel weniger ... Solche Äußerungen bekommt Jürgen Bechthold häufiger zu hören als früher. »Das Misstrauen der Kunden hat zugenommen«, sagt der Leiter des Gießener Eichamts. »Uns hilft diese erhöhte Sensibilität der Verbraucher ‑ wir können nicht überall sein.« Allerdings kämen bewusste Manipulationen fast nie vor. Die Behörde kontrolliert Geräte vom Stromzähler über den Tankwagen bis zum Radioaktivitäts-Dosimeter der Labormitarbeiter.

 Behördenbesuche sieht Udo Bethke eher skeptisch, zur »Hessischen Eichdirektion, Außenstelle Gießen« ‑ so der offizielle Name ‑ an der Ecke Dammstraße/Gartfeld kommt er gerne. »Es gibt kaum Wartezeiten, die Leute sind freundlich, manche kenne ich seit Jahrzehnten«, sagt der Taxiunternehmer, während Günter Baumann den Taxameter überprüft. »Hier sind schon meine Eltern hingefahren.« Jedes der drei Fahrzeuge des Hungeners muss jährlich kontrolliert werden. Dazu fahren die Eichbeamten häufig ein eigens am Gartfeld-Bordstein markiertes 100-Meter-Stück ab, und zwar immer freitags, wenn das Amt für Besucher da ist. »Früher haben wir Anhänger ans Auto gehängt, um Taxameter zu überprüfen«, erinnern sich Baumann und sein Kollege Michael Titsch. Heute haben sie es meist mit komplizierter elektronischer Technik zu tun. Dass sie ständig Neues lernen müssen, macht ihre Arbeit »interessant«, finden sie.

 Auch Bechthold, studierter Elektroingenieur und seit 25 Jahren beim Eichamt, schätzt die Vielfalt seiner Tätigkeit und die ständigen Veränderungen. »Welten« lägen zwischen den vor 20 Jahren verwendeten Maßen und denen, die heute verwendet werden ‑ etwa dem Edelstahl-Blättchen für Laborkontrollen, ein Milligramm leicht, das nur mit Pinzette oder Handschuh angefasst werden darf. »Ich lerne die unterschiedlichsten Leute kennen, vom Lagerarbeiter bis zum Direktor.« Zwar freue sich nicht jeder, wenn die Beamten anklopfen: Die Gebühren für die Kontrolle zahlt der Geräteeigentümer, beim Taxameter zum Beispiel 52 Euro. Viele wüssten aber auch zu schätzen, dass sie sich auf ihre Geräte verlassen und dies Geschäftspartnern bescheinigen können. »Wir wollen kein Klotz am Bein sein, wir sind Dienstleister«, betont Bechthold.

 Die derzeit noch acht Beamten sind in ganz Mittelhessen vor allem im Außendienst tätig. Der eine besucht vor allem Bäckereien, Metzgereien und Supermärkte, der andere Tankstellen, ein dritter größere Industriebetriebe. Mit Stichproben bei Herstellern überwachen die Fachleute auch, ob bei abgepackten Waren immer der angegebene Inhalt stimmt. Zweimal im Jahr sind die Fachleute auf dem Wochenmarkt unterwegs und schauen nach, ob jeder eine aktuelle Eichplakette auf der Waage hat. Wenn nicht, wird das gleich vor Ort nachgeholt. Funktioniert ein Gerät nicht exakt, so drehen nicht etwa die Beamten ‑ allesamt Techniker ‑ am Rädchen. Der Hersteller-Kundendienst muss es nachjustieren, bevor ein erneuter Eichtermin ansteht.

 Wie viele Geräte ein Experte pro Tag kontrolliert, sei ganz unterschiedlich: »Das kann pro Stück zehn Minuten dauern, aber auch schon einmal einen Tag, wenn zum Beispiel ein ganzes Computersystem dranhängt.« Die Toleranzen lägen im »Promillebereich«, sagt Bechthold, der über Badezimmerwaagen und ihre mitunter allzu schmeichelhaften Gewichts-Aussagen nur lachen kann: »Spielzeug!«

 Für die Geräte, mit denen er zu tun hat, gelte dagegen: »Wenn sie richtig geeicht sind und sachgemäß benutzt werden, dann stimmt der Wert.« Schließlich würden auch die Gewichte der Eichbehörden immer wieder mit den »Urmaßen« verglichen. Das erklärt Bechthold zuweilen auch vor Gericht _ etwa dann, wenn jemand wegen zu schnellen Fahrens oder Lkw-Überladung angeklagt ist. Denn auch die Geschwindigkeitsmesser und Großwaagen der Polizei werden regelmäßig geeicht.

Sorgen macht Bechthold der Personalabbau: Ein Mitarbeiter geht demnächst in den Ruhestand und wird nicht ersetzt. Weitere Stellen könnten wegfallen. Eine Überlastung der Übriggebliebenen gehe zu Lasten des Verbraucherschutzes: Stichproben seien schon jetzt »nicht immer in dem Maß möglich, wie man es sich vielleicht wünschen würde«. Einige Aufgaben ‑ etwa die Kontrolle von Blutdruckmessern ‑ seien privatisiert. Der Kernbereich bleibe aber eine hoheitliche Aufgabe: »Wir schützen den fairen Wettbewerb.« (kw)

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